Was ist überhaupt UX? Was macht Anwender glücklich? Gibt’s auf einem Barcamp Cocktails? Das erfährst du in meinem Bericht zum UX Camp West 2016.

Ehrlich gesagt wusste ich überhaupt nicht was mich erwartet, als ich mich zum UX Camp West angemeldet hatte. UX war mir zwar ein Begriff, aber wie die Veranstaltung ablaufen würde und was ich dort lernen könnte, das war mir bei der Anmeldung noch unklar. Im Hinblick auf unsere anstehende Produktentwicklungsphase für Agile Education dachte ich mir aber „einfach mal gucken was dabei rumkommt“, schließlich muss man als Gründer Ahnung von fast Allem haben.

Also vorab, was ist eigentlich UX?

UX steht für „User Experience“. Wörtlich ins Deutsche übersetzt heißt das „Nutzererlebnis“. Das Nutzererlebnis beschreibt die Erfahrungen, Emotionen, die psychologischen und die physiologischen Reaktionen des Nutzers, die im Zuge seiner Interaktion mit einem Produkt oder einer Dienstleistung entstehen. Meistens wird der Begriff im Zusammenhang mit digitalen Produkten wie Websites und Apps verwendet. Es ist selbstredend, dass in den allermeisten Fällen ein möglichst positives Nutzerlebnis angestrebt wird.

Und wie erreicht man ein positives Nutzererlebnis?

  1. Liefere dem Anwender genau die Funktionalitäten, die er benötigt, nicht mehr und nicht weniger.
  2. Stelle sicher, dass das Produkt stabil und reibungslos läuft. Abstürze, verlorene Daten, Nerven und Zeit braucht keiner.
  3. Gestalte dein Produkt einfach und elegant ohne viel Schnick-Schnack, so dass es eine Freude ist es anzuschauen und zu benutzen.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan, insbesondere bei einer großen und inhomogenen Anwendergruppe. Ein Paradebeispiel für eine gute User Experience sind die Produkte von Apple, allerdings gibt es auch hier Verbesserungspotential. Man denke nur an die Situation wenn der Speicher im Iphone nicht mehr ausreicht oder der Akku gewechselt werden muss.

Was hat ein Barcamp damit zu tun? Gibt’s da Alkohol?

Auf dem ein oder anderen gibt es auch Alkohol, aber ein Barcamp ist keine Zeltstadt aus Cocktailbars, sondern ein besonders offenes und interaktives Format um Tagungen und Konferenzen abzuhalten. Die Teilnehmer sind dazu aufgerufen, die Agenda aktiv mitzugestalten und umzusetzen. Der Ablauf ist folgender:

  1. Vorstellungsrunde: Jeder stellt sich mit seinen Vornamen vor und nennt ein Stichwort, das ihn interessiert oder beschreibt.
  2. Session-Planung: Die Teilnehmer selber schlagen Themen, Projekte, Vorträge, Problem- und Fragestellungen vor. Durch Aufzeigen wird das Interesse der Teilnehmer bekundet und davon abhängig eine Session auf dem Session Board eingetragen. Üblicherweise laufen immer mehrere Sessions parallel, begrenzt nur durch Räumlichkeiten.
  3. Durchführung der Sessions: Die Sessions können recht unterschiedliche Formen annehmen. In manchen wird präsentiert mit anschließendem Gespräch, in anderen wird von vornherein etwas gemeinsam diskutiert und erarbeitet, in wieder anderen wird programmiert. Auch die Länge kann variieren, doch spätestens wenn der Raum für die nächste Session benötigt wird ist Schluss.
  4. Präsentation der Ergebnisse: Das Erarbeitete wird idealerweise dokumentiert und den Teilnehmern, die in anderen Sessions waren, zugänglich gemacht. Das kann beispielsweise auf Pinnwänden geschehen, an denen dann jeder vorbeilaufen und anknüpfende Gespräche führen kann.

Und, wie war denn jetzt das UX Camp West?

Veranstaltet wurde das diesjährige UX Camp West in den Räumlichkeiten von Yellow Strom in Köln und gestartet wurde mit einem ausgezeichneten Frühstück, das keine Wünsche offenließ. Bei dieser Gelegenheit konnte ich die ersten Kontakte knüpfen, unter anderem mit Magdalena von EventZebra.

EventZebra ist eine Plattform für Konferenzen und andere professionelle Events, mit der Organisatoren und Teilnehmer mehr Nutzen aus ihren Veranstaltungen ziehen können. Die mobile App ermöglicht den Zugriff auf die Agenda und die Kommunikation von Änderungen. Vor allem aber verpassen die Teilnehmer keine interessanten Gespräche mehr, denn die App schlägt ihnen die fünf für sie relevantesten Personen vor.

Auf das Frühstück folgte die Vorstellungsrunde, die bei 150 Teilnehmern recht amüsant ist wenn der erste schon mit Details zu seiner Ausbildung und seinem Wohnort anfängt. Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten ging es dann aber Schlag auf Schlag: Name – Stichwort – Fertig – Nächster.

Danach ging es an die Session-Planung. Auf den Tischen waren Notizblöcke verteilt und jeder war aufgefordert hierauf seine Ideen und Interessen zu notieren, um dann eine entsprechende Session vorzuschlagen. Ich hatte mir lediglich „Plattformentwicklung“ notiert und da es mein erstes Barcamp war, ging ich auch nicht direkt nach vorne, sondern hörte mir erst mal an was die anderen für Themen hatten.

UX Camp West 2016 - Session Planung 1
UX Camp West 2016 – Session Planung 1
UX Camp West 2016 - Session Planung 2
UX Camp West 2016 – Session Planung 2

Als Ergebnis kam ein Session Board zu Stande, das sicherlich für Jeden etwas bereithielt.

UX Camp West 2016 - Session Board
UX Camp West 2016 – Session Board

Ich hatte mir schon während der Session-Planung meine Favoriten notiert und ging als erstes zu „5 Hürden der Innovation und ihre Lösungen“. Diese Session beschreibe ich hier exemplarisch etwas ausführlicher, da sie mir mit Abstand am besten gefallen hat.

 „5 Hürden der Innovation“

Vortragende war die sehr sympathische Mayra, die als UX Strategy Consultant bei relevantive arbeitet, einer Berliner Innovationsberatung. Für ihre Präsentation nutzte Mayra vorbereitete Flip-Charts mit tollen handgezeichneten Skizzen, die teilweise mit Post-Its verdeckt waren und dann nach und nach freigelegt wurden. So führte sie uns gekonnt durch ihre Präsentation, mal ganz ohne technische Hilfsmittel.

UX Camp West 2016 - Marya von Relevantive "5 Hürden der Innovation" 2
UX Camp West 2016 – Marya von Relevantive „5 Hürden der Innovation“ 2

Die Herangehensweise, die relevantive nutzt um den Innovationsprozess zu ermöglichen, ist eine Mischung aus Design Thinking und der Lean Startup-Methode.

Design Thinking ist ein praxisorientierter Ansatz, bei dem in interdisziplinären Teams kundenorientierte Konzepte und Lösungen erarbeitet werden. Der Ablauf ist in ganz grob folgender:

  1. Problemdefinition und – analyse
  2. Brainstorming und Antesten von Lösungen
  3. Ausarbeitung der finalen Lösung

Lean Startup ist eine Methode durch die Verschwendung und Fehlinvestitionen bei der Produktentwicklung, insbesondere bei Startups, vermieden werden sollen. Das iterative Vorgehen ist hierbei:

  1. Generieren von Produktideen und Aufstellen von Hypothesen
  2. Entwicklung entsprechender Tests und Prototypen
  3. Auswertung der Ergebnisse und Weiterentwicklung der Produkte

Bei beiden Herangehensweisen steht das Verstehen und Einbeziehen des Kunden und der Anwender im Vordergrund, denn sie entscheiden letztendlich über den Erfolg oder Misserfolg der Produkte.

Das Resultat dieser Melange aus Design Thinking und Lean Startup nennt sich dann Lean Innovation und besteht bei relevantive aus ungefähr sechs Schritten:

  • Problem verstehen und Kundenbefragung
  • Brainstorming und Priorisieren der Ideen
  • Aufstellen von Problem- und Lösungshypothesen
  • Entwicklung von Prototypen, auch MVPs (Minimum Viable Products) genannt
  • Vorbereitung und Durchführung der Tests und Experimente
  • Auswertung der Ergebnisse
UX Camp West 2016 - Marya von Relevantive "5 Hürden der Innovation" 2
UX Camp West 2016 – Marya von Relevantive „5 Hürden der Innovation“ 2

Durch dieses Vorgehen und weitere Maßnahmen sollen fünf Hürden der Innovation überwunden werden, die den meisten von uns sicherlich bekannt vorkommen und die häufig in großen etablierten Unternehmen zu finden sind:

  • Das Streben nach Sicherheit und die Fremdheit zwischen Entscheider und Kunde
  • Eigeninteressen und emotionale Entscheidungen, die dann oft zu Kompromissen und hybriden Lösungen führen
  • Zögern und Inaktivität aufgrund von verteilten Zuständigkeiten, fehlenden Entscheidern und umständlichen Prozessen
  • Angst vorm Scheitern, persönlichen Konsequenzen und Nachteilen
  • Motivationsverlust wegen fehlender Gesamtverantwortung

Natürlich wurden auch die Lösungsansätze präsentiert, die ich hier aber nicht vorwegnehmen möchte, denn dafür ist Mayra die richtige Ansprechpartnerin. In der anschließenden Diskussionsrunde wurde das ein oder andere Thema dann noch vertieft.

Virtuelle Währungen, Webanalyse, Hirnforschung und Guerilla-Taktiken

Als nächstes ging ich zu der Session „UX-Blockchain“, da ich mich mit dem Thema Bitcoins und Blockchain in der Vergangenheit bereits beschäftigt hatte. Aus technologischer Sicht konnte ich hier nichts Neues lernen, aber immerhin gewann ich einen Einblick in projektspezifische Herausforderungen, die einer der großen Energiekonzerne im Bereich Elektromobilität hat.

In der anschließenden Mittagspause hatte ich dann einen interessanten Austausch mit der zuvor erwähnten Gründerin von EventZebra, Magdalena, über die Vor- und Nachteile bei der Softwareentwicklung durch externe Dienstleister im In- und Ausland. Solche Gespräche geben Orientierung, sind äußerst hilfreich und einer der Hauptgründe, warum ich regelmäßig zu derartigen Veranstaltungen gehe.

Die Session „Analytics for UXer“ war für mich wieder sehr interessant, da ich hier kaum Vorkenntnisse hatte und einen guten Einblick bekam. Google Analytics ist ein Werkzeug um die Nutzung von Websites zu analysieren. Die damit gewonnenen Einsichten können dann genutzt werden um die Website kundenfreundlicher und beliebter zu machen, um beispielsweise mehr Produkte zu verkaufen.

Es folgte die Session „Hirnforschung und Konflikte in Veränderungsprozessen“. Erst einmal ging Katja auf die Aufgaben des präfontalen Kortex und des limbischen Systems ein, um dann später konkrete Situationen aus der Arbeitswelt zu besprechen. Hätte jeder Berufstätige schon einmal diesen Vortag gesehen, dann wäre die Arbeit sicherlich für viele einiges entspannter. Zusammenfassend hier ein in der Präsentation gezeigtes Zitat von Henry Ford: „Wenn es ein Geheimnis des Erfolges gibt, so ist es das, den Standpunkt des anderen zu verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu sehen.“

UX Camp West 2016 - Katja Busch "Hirnforschung & Konflikte in Veränderungsprozessen"
UX Camp West 2016 – Katja Busch „Hirnforschung & Konflikte in Veränderungsprozessen“

Zuletzt besuchte ich die Session „Guerilla Remote Testing“. Hier gab es viele Tipps, wie man mit geringen Kosten Online Tests und Analysen durchführen und seine Zielgruppe besser verstehen lernen kann. Mit Software wie Hotjar, RapidUsertests und SurveyMonkey lassen sich beispielsweise Mausbewegungen der Websitebesucher aufzeichnen und visuell darstellen oder Umfragen und Tests durchführen. Achtung: Aus Datenschutzgründen müssen Besucher auf die Aufzeichnung hingewiesen werden.

Den abschließenden Vortrag des Keynote Speakers (= Hauptredner) Peter Boersma über die Rolle des User Experience Designers hörte ich mir dann aus Zeitgründen nicht mehr bis zum Schluss an. Auch dem After Camp BBQ und der Party musste ich leider entsagen. Das war wirklich schade, denn hierbei sollte noch eine lockere Session zum Thema „Cocktail UX“ stattfinden, die mich als ehemaligen Barkeeper wirklich sehr interessiert hätte. Auf diesem Barcamp gab es also neben Kölsch auch richtigen Alkohol!

…einen Bericht über das UX Camp West 2015 in Düsseldorf mit tollen Sketchnotes findest du bei Frau Hölle.

Fazit:

Wenn du Gründer, Entwickler oder Designer bist, deine Kunden besser verstehen und dafür geeignete Tools und Techniken kennenlernen möchtest, dann bist du auf dem UX Camp genau richtig. Darüber hinaus ist es eine tolle Gelegenheit neue Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen.

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